Naomis Augen leuchten. „Echt?“, ruft sie. „Du willst mir helfen? Oh, das wäre wunderbar!“ Dann stockt sie. „Aber wie wollen wir das machen?“

„Na, wir fragen einfach herum“, erkläre ich. „Lass uns gleich mit dem ersten Gebot anfangen. Da heißt es ja, dass man keine anderen Götter haben soll außer halt Gott. Wobei, wenn ich jetzt mal drüber nachdenke …“ Ich kratze mich am Hinterkopf. „Ehrlich gesagt kann ich mir unter irgendwelchen anderen Göttern gar nichts vorstellen.“

„Ich schon“, sagt Naomi. „In Ägypten zum Beispiel, wo wir früher gewohnt haben, da beten die Leute zu Amun und zu Re und zu Anubis und – keine Ahnung – ganz vielen anderen Göttern. Aber wir beten nur zum Herrn, unserem Gott und zu keinem sonst. Er nennt sich: Ich bin da. Das hat er meinem Onkel Mosche selber erzählt.“

„Wer – Gott?“, frage ich ungläubig und dann fällt mir natürlich wieder Naomis abgedrehte Geschichte ein. Wenn sie glaubt, dass ihr Onkel der Mose aus der Bibel ist, dann muss dieser Mosche natürlich auch dem brennenden Dornbusch begegnet sein.

„Ich glaube, ich kenne niemanden, der irgendwelche anderen Götter anbetet. Also mein Freund Onur, der sagt zu Gott zwar nicht Herr, sondern der sagt: Allah. Aber Frau Großmann hat mal erklärt, dass das im Prinzip derselbe Gott ist, nur mit einem anderen Namen. Also – hier in dieser Welt hier gibt es natürlich haufenweise Leute, die überhaupt nicht beten. Zu niemandem.“

„Ach“, macht Naomi. „Und die Leute da drüben? Was denkst du, zu wem die da gerade beten?“

„Bitte?“, mache ich und blicke mich ratlos um. „Wen meinst du?“ Ich kann nirgendwo Menschen entdecken, die auch nur entfernt so aussehen, als würden sie beten.

„Na, die da. Bist du blind?“ Naomi zeigt auf die Bushaltestelle schräg gegenüber von uns auf der anderen Straßenseite. „Die Leute mit diesen kleinen Täfelchen vor dem Gesicht.“

Da stehen drei Jugendliche mit Rucksäcken, eine Frau mit Aktentasche, ein Mann in Handwerkerklamotten, ein Opa mit einem Hund an der Leine – und alle halten ihre Handys in der Hand und glotzen auf den Bildschirm. Ich muss grinsen, denn tatsächlich könnte man meinen, diese Leute seien stumm ins Gebet versunken. Anscheinend hat Naomi noch nie ein Smartphone gesehen.


Wie wir durch die Zeit reisten und die 10 Gebote retteten

War Gottes Bund mit den Menschen bloß ein Irrtum? Sind die Menschen einfach von Grund auf schlecht? Moses‘ zehnjährige Nichte Naomi ist vom Gegenteil überzeugt. Und um zu beweisen, dass die 10 Gebote nicht nur für das wandernde Volk Israel, sondern auch für die Zukunft wichtig sein werden, reist sie mithilfe eines Engels dreitausend Jahre durch die Zeit, bis sie auf Till trifft, der sich hauptsächlich für Fußball und seine Playstation interessiert. Kann er ihr helfen? Eine abenteuerliche Suche beginnt …


Making of

In gewisser Weise war dieser Roman eine Auftragsarbeit. Oder auch nicht. Mich erreichte die Anfrage, ein Kinderbuch über die 10 Gebote zu schreiben. Mit zehn kleinen Geschichten, zu jedem Gebot eine. Geschichten, aus denen du was lernen kannst. Sowas mache ich nicht, hab ich gedacht. Zu pädagogisch, zu moralisch. Doch da ging mir ein Buch durch den Kopf, das ich vor langer Zeit gelesen habe – das Beste, was meiner Meinung nach je über die 10 Gebote geschrieben worden ist: „Die Entdeckung des Himmels“ von Harry Mulisch. Die Grundidee ist so wahnsinnig toll, dass ich sie am liebsten geklaut hätte. Da fiel mir ein: Die kann ich gar nicht klauen, weil es gar nicht Harry Mulischs eigene Idee war. Denn der Gedanke, dass Gott seinen Bund mit den Menschen bereut, der steht ja schon in der Bibel. Aber kann man über ein derart komplexes Thema einen Kinderroman schreiben? Hm ... vielleicht ja schon. Urteilt am besten selbst 😊